Spiritueller Impuls


Gedanken zum Osterfest


Ein stiller Ostermorgen in unseren Kirchen. Kein lautstarkes Halleluja erklingt, keine gemeinsame Osterfreude in der Kirchenbank Seite an Seite mit anderen, die Ostern feiern.
Es ist so anders, so ungewohnt. Vielleicht sind wir in dieser Ausnahmesituation dem ersten Ostern ganz nahe.
Ich denke an die trauernden Frauen und Männer, denen der Karfreitagsschock noch in den Gliedern sitzt. Die Frauen, die zum Grab gehen und es leer auffinden. Die Botschaft, Jesus ist auferstanden – er lebt. Doch sie können noch nicht begreifen, was geschehen ist. Ich denke an die Jünger, die dann ebenfalls zum Grab laufen und es so vorfinden, wie die Frauen es ihnen erzählt haben. Doch von überschwenglicher Osterfreude keine Spur. Eher noch mehr Verunsicherung.
Eine der schönsten biblischen Ostererzählungen ist für mich der Emmausgang.

Die beiden Jünger, die es in Jerusalem nicht mehr aushalten, die nach Emmaus aufbrechen und erfahren dürfen, dass der Auferstandene mitgeht, auch wenn sie ihn nicht erkennen. Er lässt sich auf sie ein, er hört zu, er hilft ihnen, die Gedanken zu ordnen. Sie erfahren, wie gut ihnen diese Wegbegleitung tut. Letztendlich erkennen sie ihn am Abend beim Brechen des Brotes.

Jesus ist auch jetzt mit uns auf dem Weg durch diese schwierige Zeit. Er weiß um all das, was uns verunsichert und  ängstigt. Er geht mit uns den Osterweg.

Gerade aufgrund der besonderen Situation sollen wir Ostern feiern und an dem Gott des Lebens festhalten. Auch wenn es sich in diesem Jahr so anders und fremd anfühlt.


Zu Zeit werden per whatsapp , facebook und anderen Medien viele Texte, Bilder und Lieder versandt. Es sind Zeichen der Solidarität, manchmal ernst, manchmal humorvoll. Mit einer der schönsten Texte, den ich erhalten habe, ist folgender.

Es könnte sein, dass in Italiens Häfen die Schiffe für die nächste Zeit brach liegen,… es kann aber auch sein, dass sich Delfine und andere Meereslebewesen endlich ihren natürlichen Lebensraum zurückholen dürfen. Delfine werden in Italiens Häfen gesichtet, die Fische schwimmen wieder in Venedigs Kanälen!

Es könnte sein, dass sich Menschen in ihren Häusern und Wohnungen eingesperrt fühlen,… es kann aber auch sein, dass sie endlich wieder miteinander singen, sich gegenseitig helfen, sich füreinander Zeit nehmen und seit langem wieder ein Gemeinschaftsgefühl erleben.

Es könnte sein, dass die Einschränkungen des Flugverkehrs für viele eine Freiheitsberaubung bedeutet und berufliche Einschränkungen mit sich bringt,… es kann aber auch sein, dass die Erde aufatmet, der Himmel an Farbenkraft gewinnt und Kinder in China zum ersten Mal in ihrem Leben den blauen Himmel erblicken. Sieh dir heute selbst den Himmel an, wie ruhig und schön er ist.

Es könnte sein, dass unsere Wirtschaft einen ungeheuren Schaden erleidet,… es kann aber auch sein, dass wir endlich erkennen, was wirklich wichtig ist in unserem Leben und dass ständiges Wachstum eine absurde Idee der Konsumgesellschaft ist. Wir sind zu Marionetten der Wirtschaft geworden. Es wurde Zeit zu spüren, wie wenig wir eigentlich tatsächlich brauchen.


Es könnte sein, dass dich das alles auf irgendeine Art und Weise überfordert,… es kann aber auch sein, dass du spürst, dass in dieser Krise die Chance für einen längst überfälligen Wandel liegt,
der die Erde aufatmen lässt,
Kinder mit wichtigen Werten in Kontakt bringt
unsere Gesellschaft enorm entschleunigt
es die Geburtsstunde für eine neue Form des Miteinanders sein kann
Müllberge zumindest einmal für gewisse Zeit reduziert
und uns zeigt, wie schnell die Erde bereit ist, ihre Regeneration einzuläuten, wenn wir Menschen Rücksicht auf sie nehmen und sie wieder atmen lassen.

Wir werden wachgerüttelt, weil wir die Dringlichkeit selbst nicht erkannten.
Denn es geht um unsere Zukunft. Es geht um die Zukunft unserer Kinder
(Verfasser unbekannt)


Für mich ist das ein wahrhaft österlicher Text.
Dem würde ich noch eines zufügen.

Es könnte sein, dass manche sehr darunter leiden, dass gerade jetzt an den Kar- und Ostertagen kein gemeinsames Feiern möglich ist, manche das Gefühl haben, dass das religiöse Leben still steht,… es kann aber auch sein, dass manche wieder ein  Gespür dafür bekommen, was ihnen ihr Glaube bedeutet, sie wieder unterscheiden, was wichtig ist und was im Grunde nur Äußerlichkeiten sind.

Menschen beten mit- und füreinander, lesen in der Bibel, nehmen sich Zeit, einen Gottesdienst im Fernsehen oder Radio mitzufeiern.
Andere überlegen, wie sie religiöse Feiern, die verschoben werden mussten, unter Umständen ohne große Vorplanung, also eher spontan, nachholen können. Dann ist auf einmal nicht mehr die Deko und das Drumherum wichtig, sondern sie kommen dem Kern wieder näher.
Es kann sein, dass Menschen wieder spüren, wie sehr sie Gottes Beistand brauchen.

Ich wünsche uns allen, dass die Osterbotschaft, die Botschaft, dass Gott auf der Seite des Lebens steht, uns Mut und Zuversicht schenkt.
Ich wünsche uns allen, dass Ostern in uns neue Kräfte weckt und uns anregt, darüber nachzudenken, wie wir etwas zum Erhalt unserer Schöpfung beitragen können, wie wir gut mit- und füreinander leben können.

Pfarrer Klemens Geiger