Pfarrkirche St. Vitus in Wolfertschwenden

Von Max Dodel


Um die Mitte des neunten Jahrhunderts gab es Streitigkeiten über den Grenzverlauf des zum Benediktinerkloster Kempten gehörenden Gebiets. Unter Abt Erchambert (gest. 854) wurde eine Befragung der „angesehensten und vornehmsten Männer“ der umliegenden Gaue, des Alp-, Iller- und Keltensteingaues, durchgeführt. Diese Gewährsleute sagten unter Eid aus, was ihnen über die Grenzlinie, so wie sie schon seit der Zeit Karls des Großen verlief, bekannt war:  Nach deren Wissen lief sie vom „Hohen Rain über den Se(i)delbrunnen bei Wolfertschwenden zur Quelle bei Böhen“. Kaiser Ludwig der Deutsche bestätigte 853 diese Aussage. Aus dieser Urkunde wissen wir, dass unser Heimatort schon geraume Zeit vor 853 bestanden hat, ja sogar als Grenzort in der weiteren Umgebung ein Begriff gewesen sein muss.

Wir kennen jedoch weder die Namen der Befragten, noch sonst irgendwelche Personen der genannten Orte. Doch den Äbtelisten der beiden benachbarten Klöster Kempten (seit 752) und Ottobeuren (seit 764), an deren gemeinsamer Grenze Wolfertschwenden lag, können wir wenigstens die Namen der übergeordneten geistlichen Führer unserer engeren Heimat entnehmen. (Vergleiche Festschrift „Ottobeuren“, herausgegeben von A. Kolb und H. Tüchle 1964, und „Geschichte des hochfürstlichen Stiftes Kempten“  von J. Rottenkolber, ohne Jahr.)

Wann man im Ort Wolfertschwenden die erste hölzerne Kapelle erbaute, die später durch eine gemauerte ersetzt wurde, wagen wir nicht genau festzulegen. Ob der um die Mitte des 9. Jahrhunderts bekannte Ort schon eine Kirche besaß, geht aus der genannten Kaiserurkunde nicht hervor.

Die bei den Renovierungsarbeiten an der Pfarrkirche St. Vitus im Jahr 1973 entdeckten Grundmauern dürften damals unserer Erkenntnis nach wohl etwas zu früh eingeordnet worden sein. Die Memminger Zeitung vom 20.10.1973 (Seite 17) berichtete ausführlich über die Funde und sprach von karolingischen, wenn nicht gar merowingischen (8. Jh.) Bauten.

Die gefundenen quadratischen Grundmauern des damaligen Chores könnten zwar eine Frühdatierung untermauern, doch muss gleichzeitig beachtet werden, dass besonders in ländlichen Gegenden Bauschemata unverändert beibehalten wurden. Neue Moden tauchen in den Zentren des damaligen Reichs auf, nicht aber in Randgebieten. Die beachtenswerten Ausmaße des Chores (4x4m) und die des Schiffes (11x7m) deuten vielmehr in einem Ort, der nicht Sitz eines kirchlichen Würdenträgers ist, auf eine romanische Steinkirche, und nicht auf einen Bau, der vor dem 11. Jahrhundert entstanden ist.

Im 12. Jahrhundert finden sich auch die meisten urkundlichen Nennungen unseres Ortes durch die adelige Familie, die auf dem Juhu (Falken) eine ihrer Burgen hatte. Ob man daraus auch schließen darf, dass die Wende vom 11. zum 12. Jh. das Datum für einen gemauerten Kirchenbau sein muss, sollte vorerst offen bleiben. Geldmittel dürften vorhanden gewesen sein.

Der Sockel des hiesigen Kirchturms enthält mit Sicherheit die ältesten, wohl auch romanischen Bauteile; der elegante Chor der Pfarrkirche (3/8 Schluss) und große Teile der Langschiffmauern mit dem Vorzeichen im Süden stammen aus dem 15. Jh., sind also spätgotisch.

Wenn auch noch ohne Namen des damaligen Ortsgeistlichen, ist uns aus dieser Epoche ein exaktes Datum bekannt. In den Rechnungen des Bischöflichen Siegelamtes Augsburg vom Jahr 1473 finden wir die Bestätigung, dass damals am Ort Spenden für Baumaßnahmen an der Kirche gesammelt werden durften. Wolfertschwenden war in den 30-40 Jahren zuvor weitgehend in Ottobeurer Besitz gekommen, und nur die Ritter von Rothenstein besaßen außerdem noch nennenswerte Güter am Ort.

Letztere wurden 1479 bei der Gründung des Stiftes Grönenbach diesem geschenkt.

Dem Ausmaß der Baumaßnahmen nach zu urteilen – und den Kunstbesitz aus dieser Zeit dürfen wir keinesfalls vergessen – befand sich die Pfarrei damals in einer finanziell außergewöhnlich guten Lage.

Einen weiteren zeitlichen Beweis, vielleicht den Abschluss der Bauperiode, finden wir unter der spätgotischen Sonnenuhr an der Turmsüdwand. Neben dem Wappen des Stiftes Kempten (St. Hildegard) sehen wir einen sich nach links aufbäumenden Esel, das Wappen des Kempter Abtes Johann von Riedheim (1481 – 1507). Wir können somit ab 1475 wenigstens sechs Jahre Bauzeit annehmen, bis die Malereien – die ältesten am Ort, wenn auch erneuert – angebracht werden konnten.

Solche Wappen dienten damals nicht der Verschönerung von Bauwerken, sondern waren in erster Linie Ausdruck von Machtpositionen. In unserem Fall bedeuteten sie, dass, obwohl der gesamte Ort Wolfertschwenden in Ottobeurer Besitz übergegangen war, die Hochgerichtsbarkeit, die über schwere Verbrechen zur urteilen hatte, und das Patronatsrecht beim Stift Kempten verblieben waren. Ersterer blieb auch bis 1802, dem Jahr der Säkularisation, dort; das Recht, den Pfarrer für den Ort vorzuschlagen, kam 1699 an Ottobeuren.